Ich weiss noch gut wie meine Mutter, einen epileptischen Anfall vortäuschend, sich geweigert hat, In Italien eine öffentliche Toilette zu benutzen. Wir Kinder wurden auch immer wieder in den Ferien in Italien mehrfach ermahnt, um Himmelswillen ja nie auf eine öffentliche Toilette zu gehen. Diese Toiletten, so hiess es, seien eine einzige Brutstätte aller Arten von Bakterien. Was man sich doch da alles holen könne. Sämtliche bekannten und auch mutierten Formen der schrecklichsten Krankheiten welche die Menschheit je gegeisselt haben warten auf diesen stillen Örtchen auf das nächste Wirtstier.
Und wir erfuhren auch gleich die Ursache, weshalb dies in Italien so sein soll. Die Italiener hätten halt einfach eine andere Vorstellung von Hygiene, und diese Toiletten würden auch nie gereinigt, was natürlich auch in das Bild des verwahrlosten und faulen Südländers passte. In solchen Momenten fragte ich mich manchmal warum uns dann unsere Eltern in solche Seuchengebiete schleppten, na ja...
Solche Bilder prägen ein Kind, und man schleppt solche Horrorszenarien immer ein wenig mit, auch wenn man denkt man hätte dies längst abgelegt. Diese Gedanken gingen mir jedenfalls durch den Kopf, als ich am letzten Wochenende mit dem Auto vom Tessin zurück in die sonnige Deutschschweiz unterwegs war.
Es kommt sehr selten vor, dass ich auf Schweizer Autobahnen eine öffentliche Bedürfnisanstalt aufsuchen muss, daher kann ich keine statistisch untermauerte Aussage machen. Aber was ich da vorfand warf mich in meine früheste Kindheit zurück. Kurz vor der Gotthard-Raststätte Richtung Norden spürte ich dass es wohl klüger sein würde, wenn ich meinen Darm noch vor dem Tunnel entleeren würde. Also flugs den Blinker gestellt und eingeparkt in der grosszügigen Anlage. Die erste Überraschung erlebte ich mit der Feststellung, dass die Geschichte mit den Öffnungszeiten rund um die Uhr wohl noch nicht alle Kantone der Schweiz eingeholt hat. Der grösste Teil der Raststätte war nämlich schon dunkel, und es war noch nicht mal Mitternacht. Es schien so als wäre das einzige stille Örtchen welches um diese Zeit noch Besuch empfing, das kleine, alleinstehende und schlecht beleuchtete Häuschen am Rande der Anlage war. Unerschrocken schritt ich durch die Türe und wollte mich in eine Kabine für die "wichtigeren" Geschäfte begeben. Im letzten Moment bemerkte ich dass in dieser Kabine kein Toilettenpapier vorhanden war. Gott dankend, dass ich dies bemerkte, bevor ich mich schon auf die Schüssel gesetzt habe, öffnete ich die Türe zur zweiten Kabine. Doch auch hier lag kein einziges Fitzelchen eines Papiers, noch nicht einmal eines dieser typischen, leeren, grau-braunen Kartonröhrchen, das zumindest auf eine frühere Existenz von Toilettenpapier hinweisen würde. Ein wenig ängstlich öffnete ich nun die Türe zur dritten Kabine und stellte erfreut fest, dass hier noch genügend Papier vorhanden war. Doch ich konnte meiner Freude kaum Ausdruck verleihen, da es mir beim Anblick der Toilettenschüssel alles andere als freudig zu Mute war. "Ganz übel versifft" ist wohl noch ein zu schwacher Ausdruck um die Lage zu beschreiben. Irgendjemand hatte hier wohl einen ganz üblen Kampf gegen seine Verdauung ausgetragen. Ich befürchtete dass dieser jemand diesen Kampf verloren hat. Was sollte ich jetzt tun? Ich konnte nicht anders, ich musste diese Toilette benutzen. Nach einer gründlichen Grobreinigung aller Kontaminierungsflächen brauchte ich wohl einige hundert Meter Papier um sämtliche möglichen Kontaktstellen mit einer ca. 1 cm dicken Papierschicht abzudecken. Nun endlich konnte ich etwas gegen den Druck in meinem Magen unternehmen, wobei dieser Druck immer schwächer wurde und langsam dem Würgen in meinem Hals wich.
Nun ich habe es überlebt. Nach gründlichem Waschen der Hände, beim Rausgehen, schweifte mein Blick auf einen dieser ominösen Zettel, auf welchen akribisch erfasst wird wer hier wann diese Toilette gereinigt hat. Ich sehe auf diesen Zetteln immer unheimlich viele Unterschriften von Leuten die angeblich diese Toilette regelmässig reinigen. Nur habe ich noch nie jemanden gesehen der gerade diesen Zettel ausfüllt, von eigentlichem Putzpersonal mal ganz abgesehen.
Wieder draussen an der frischen Luft kam mir eben die Geschichte meiner Mutter und ihrer Angst vor italienischen Toiletten in den Sinn. Kann es sein dass wir eventuell gar nicht besser sind als die Südländer? Ist es vielleicht gar ein Klischee? Oder vielleicht gehört der Schweizer ja auch bereits zu den Südländern? Und irgendwo in Deutschland ermahnt eine Mutter gerade ihren Spross, einen epileptischen Anfall vortäuschend, um Himmelswillen ja nie eine öffentliche Toilette in der Schweiz zu benutzen. Wer weiss was man sich da holen kann...
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1 Kommentar:
Hallo.
Ich mochte mit Ihrer Website 6stringfanatic.blogspot.com Links tauschen
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